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MORDSEIER
Michi Cordes kehrt zurück


Von Klaus Maria Dechant
 

LESEPROBE


Herr Rossi

Die Vormittagssonne brannte unerbittlich auf den toten, steifen Körper. Das Blut war zum Teil in dem sandigen Boden versickert, zum Teil an der Oberfläche getrocknet. Der abgetrennte Kopf lag abseits und dörrte in der ungewöhnlich frühen Hitze vor sich hin.

Herr Rossi war der ganze Stolz des Quartiers gewesen. Attraktiv, majestätisch und äußerst beliebt bei den Damen, die seine Virilität ebenso schätzten, wie das Wissen, immer vor allem beschützt zu sein.
Die Herren hielten sich eher fern. Nicht etwa aus Angst. Purer Respekt war es, den Herr Rossi sich mit seiner Kraft, seinem Charisma und seinem beneidenswerten Äußeren redlich verdient hatte.
Niemand hätte es je gewagt, dieser Ausgeburt der Männlichkeit zu nah zu kommen. Larmoyant und prätentiös hatte er tagein, tagaus sein Quartier abgeschritten und hoffärtig seine Vormachtstellung zur Schau getragen.
Bis heute.

Unbekannte Frevler hatten es in den frühen Morgenstunden gewagt, in das Revier des Herrn Rossi einzudringen. Feige hatten sie ihn überrascht bei der morgendlichen Begattung, hatten den begnadeten Körper wüst und brutal vom Leib seiner Begierde gerissen. Dann hatten sie ihm den Kopf vom Rumpf getrennt und die Teile des Leichnams, unwürdig eines Herrschers, im Dreck liegen lassen.

Dieses Ende auf dem Zenit seines Lebens hatte Herr Rossi nicht verdient.
Er war wahrlich ein stolzer Hahn gewesen. 



Montag, 10. Juli 2017 
Revier Schwetzingen, Montag, 10. Juli, 9.00 Uhr


Die Gewitterfront hatte sich schon am Sonntagabend langsam aber bedrohlich von Westen her über die Kurpfalz geschoben und die Hitze der zurückliegenden Woche mit heftigen Windböen vertrieben. Die Nacht war ruhig geblieben. Als würden die Wolken noch auf jemanden oder etwas warten, verharrten sie bis zum frühen Morgen.
Michi fingerte nach dem Lichtschalter und die sechs Neonröhren, die in Zweiergruppen unter der vier Meter hohen Decke des Altbaus hingen, starteten eine nach der anderen und tauchten das triste Büro in ein noch tristeres, kaltes Licht. Der Regen klatschte gegen die Sprossenfenster, als wollte er sie eindrücken. Obwohl Charly erst einmal vor über einem halben Jahr in diesem Büro war, verkrümelte sich der Dreibeiner mit einer verblüffenden Selbstverständlichkeit unter den ältlichen Metallschreibtisch.
Michi kam gar nicht dazu, die karierte Hundedecke rechtzeitig von der hellblauen Plastikschüssel zu nehmen, in die sie im Dezember die paar Habseligkeiten von ihrem Schreibtisch achtlos hineingeworfen hatte. Das rot gerahmte Foto ihrer Eltern, die Reserveflasche Ballistol, ihr privates Heftgerät und natürlich das Namensschild ‚KOK Cordes‘. Letzteres warf sie direkt in den Müll. Im Laufe des Tages, so hatte man ihr versichert, würde das neue Schild geliefert, das sie als Kriminalhauptkommissarin ausweist.

Langsam ließ sie sich in ihren alten Bürostuhl sinken und starrte an die Decke. Als wolle sie nochmals prüfen, ob ihre Entscheidung richtig war, in den Polizeidienst zurückzukehren, wippte sie den Sessel vor und zurück.

„Frau Hauptkommissarin?“ Charly knurrte. Er sorgte dafür, dass der blässliche junge Mann in der Tür stehen blieb, und außer dem Kopf lediglich die rechte Schulter sichtbar in den Raum hielt.

„Richter! Mein Gott, lernen Sie doch endlich mal, anzuklopfen. Sie erschrecken einen ja zu Tode. Charly, alles gut.“ Der Hund stellte das Knurren ein, ließ den jungen Beamten aber keine Sekunde aus den Augen.
„Wann zum Teufel ist DAS denn passiert?“ Michi glotzte indigniert auf die vier Sterne auf der Schulterklappe.

Martin Richter grinste stolz seine eignen Epauletten an. „Ach, der vierte Stern? Hab‘ ich Ihnen zu verdanken, Frau Hauptkommissarin. Sie haben ja dafür gesorgt, dass der Henning gehen muss, da haben die mich ...“

„... ich hab’s verstanden, Herr Polizeihauptmeister“, Michi war genervt. Alles an Richter nervte sie. Schon immer. Sie konnte den Speichellecker nicht ausstehen und wusste, dass der farblose Sonderling auch sie nicht leiden mochte. Grundsätzlich zweifelte sie daran, dass Richter überhaupt etwas mit Frauen anfangen konnte. „Glückwunsch zur Beförderung“, heuchelte Michi noch Richtung Tür. „Aber ich bin mir sicher, sie wollten nicht einfach nur ‚hallo‘ sagen?“


Richter und Charly fixierten sich gegenseitig. „Nein, nein, Frau Hauptkommissarin. Da ist nur jemand, der will zum Chef der Mordkommission. Und das sind ja jetzt Sie?“
Der Gedanke, eine Frau könnte ernsthaft ein Dezernat leiten, schien Richter offensichtlich Unbehagen zu bereiten.

„So isses, Richter. Und ich weiß, das macht Sie völlig fertig.“ Michi verzog die Lippen zu einem gekünstelten Grinsen. „Verraten Sie mir auch, wer denn zur Chefin der Mordkommission möchte?“

„Eine Frau ...“, Richter zog einen kleinen Block aus der Brusttasche seines Hemdes, „... Frau Heller, Gabriele Heller!“ Grundloser Stolz huschte über das bubenhafte Gesicht.

„Und möchte diese Frau Heller ein Tötungsdelikt melden?“ Fordernd streckte Michi beide Hände in Richtung Tür.

„Das weiß ich nicht.“

„Warum haben Sie nicht gefragt?“ Michi versuchte, ruhig zu bleiben, und schloss für einen kurzen Moment meditativ die Augen. Die Antwort interessierte sie nicht. „Schicken Sie mir diese Frau Heller rein!“ Mit hochrotem Kopf reichte der Polizeihauptmeister noch einen Aktenhefter durch die Tür.

„Tut der was?“ Richter bewegte sich langsam in den Raum und starrte auf Charly, der sich mittlerweile gelassen das Gemächt leckte.

„Nein, der tut nix, der kriegt Hartz IV“, die Kommissarin schälte sich hinter dem Schreibtisch hervor und kam dem massiv verunsicherten Kollegen ein paar Schritte entgegen.

Der braune Aktenhefter wechselte in Lichtgeschwindigkeit den Besitzer, als Charly sich anschickte, aufzustehen. Panisch stürzte Richter aus dem Büro und ließ die Tür offen stehen. Kopfschüttelnd warf Michi die Akte beiläufig auf ihren Tisch, kniete sich hin und kraulte dem vor ihr sitzenden Charly den lockigen, grauen Kopf.

„Der ist ja goldig!“ Michi wusste nicht, was sie stärker irritierte. Die Tatsache, dass urplötzlich jemand ihr Sichtfeld verdunkelte oder die kleine aber fleischige linke Hand, die sich unvermittelt in die Liebkosung des Dreibeiners einmischte, während sich das rechte Gegenstück fast in ihr Gesicht bohrte. „Heller! Ich bin die Neue; also eigentlich die Alte.“

Ohne großartig darüber nachzudenken, griff Michi die Hand und zog sich leicht an ihr hoch. „Cordes, Mordkommission“, kam es einsilbig über ihre Lippen, „was kann ich für Sie tun, Frau ...!“

„... ach, sag‘ Gaby zu mir. Wie soll ich dich nennen?“
„Frau Cordes wäre passend.“ Michi hatte ihre schlanken 1,79 Meter wieder voll entfaltet und schaute von oben ein wenig ungläubig auf die kleine pummelige Gestalt, die sich anschickte, sich vollends auf Charly zu legen. Der wälzte sich rücklings auf dem Boden und streckte die drei ihm verbliebenen Beine hemmungslos in die Luft. Eine der fleischigen Hände wühlte sich scheinbar ziellos durch die stark abgenutzte Jeanstasche.

„Wehe, Sie geben dem Hund was zu fressen!“ Michi versuchte, ihre finsterste Mine aufzusetzen. Von unten strahlte sie dieses rotbackige Mondgesicht an, das umrahmt war von klitschnassen, blonden Haaren. Die ominöse Frau hatte wohl wie Michi auf die Mitnahme eines Schirms am Morgen verzichtet.

„So steif ging das früher hier aber nicht zu.“ Die kleine Person rappelt sich auf, strich die eh schon stramm sitzenden Dreiviertel-Jeans glatt und fischte einen Dienstausweis aus der Tasche. „Oberkommissarin Gabriele Heller!“ Sie hielt Michi den blauen Ausweis der baden-württembergischen Polizei direkt vor die Augen und grinste verschmitzt. „Melde mich gehorsamst zum Dienst, Frau Hauptkommissarin!“

„Gabi“, stammelte Michi, kratzte etwas, was aussah, wie angetrockneter Keks von der Plastikkarte und trat einen halben Schritt zurück.

„Geht doch! Aber Gaby bitte mit ‚Y‘.“



Rheininsel Ketsch, Montag, 10. Juli, 10.30 Uhr

Es hatte gerade aufgehört zu regnen, als Hauptkommissarin Cordes ihren Mini direkt vor der massiven hölzernen Altrheinbrücke abrupt zum Stehen brachte. Oberkommissarin Heller auf dem Beifahrersitz landete unsanft im Sicherheitsgurt. Insgeheim hoffte Michi, ihrer neuen Kollegin Gaby damit ein wenig die Luft zu rauben. Erfolglos. Ohne Punkt und Komma redete diese kleine Person.
Die erste halbe Stunde des für Michi eher unfreiwilligen Kennenlernens hatte Gaby Heller darauf verwandt, der neuen Vorgesetzten ihre komplette Lebensgeschichte zu erzählen. Michi war erstaunt, dass sie sich einen Teil davon tatsächlich gemerkt hatte. Obwohl sie sich zu diesem Zeitpunkt sicher war, dass diese berufliche Liaison lediglich eine kurze Halbwertszeit haben würde. Sabrina ... nein, Samantha hieß die 16-jährige Tochter und dann waren da noch die Zwillinge Rebecca und Vincent, der Grund für die vierjährige berufliche Auszeit. Den Namen des Ehemanns hatte Michi vergessen. Sie speicherte ihn einfach als Herrn Heller ab. Chemiker sei er wohl bei der BASF, aber jetzt erst mal in Elternzeit.

Die zurückliegenden zehn Minuten im Auto von der Schwetzinger Marstallstraße bis zur Ketscher Rheininsel waren jedoch die schlimmsten gewesen.


‚Ich zusammen mit der großen Michi Cordes im Auto ...‘
‚Ist das alles wahr, was über dich in der Zeitung stand?‘
‚Hast du wirklich ganz alleine diesen Serienmörder zur Strecke gebracht? Und warst du tatsächlich mit ihm verlobt?‘

Michi hätte es wissen müssen. Nichts auf dieser Welt gibt es umsonst. Auch nicht unerwünschte Informationen. Gaby Heller forderte kommunikativen Tribut. Und Frau Hauptkommissarin hatte versucht, der Forderung höflichkeitshalber nachzukommen.

‚Na, so groß sei sie jetzt auch nicht – nur 1,79 Meter ...‘
‚Nein, die Zeitungen hätten maßlos übertrieben!‘
,Nein, Jean Baptiste Devier habe sie nach Frankreich verschleppt, sich dann aber selbst gestellt. Und die Beziehung sei eine Erfindung der Presse!‘

Bis auf die Körpergröße hatte Michi gelogen. Die Geschichte des Serienkillers Jean Baptiste Devier, den sie als Gregor geliebt hatte, war ihre Geschichte. Und das sollte gefälligst so bleiben. Über sechs Monate hatte sie damit zugebracht, sich ihrer Gefühle im Klaren zu werden. Die Gefühle für einen Mann, der sie so fasziniert hatte und den sie bis heute nicht zu hassen im Stande war.
Vier Frauen hatte Devier kaltblütig umgebracht, darunter ihre beste Freundin. Michi musste oft an Tanja denken. Immer wenn sie Charly ansah. Obwohl der Hund sie über alles liebte, bei jedem Besuch auf dem Schwetzinger Friedhof legte sich Charly leise wimmernd auf das Grab seines toten Frauchens.

Charlys Atem, eine Mischung aus verdautem Hundefutter und toter Katze, drang zwischen den Vordersitzen in den Fonds und holte Michi aus ihrem kurzen Tagtraum. „Du bleibst hier und bewachst das Auto!“ Ohne weiter zu insistieren, trollte sich der graue Dreibeiner auf die Rückbank, nicht ohne Gaby mit einem flehentlichen Blick zu bedenken.

„Glaub‘ mir, ich würde gerne mit Dir tauschen.“ Gähnend schälte sich die Oberkommissarin aus dem tief liegenden Wagen.

Obwohl es lange nicht mehr so heiß war, wie an den zurückliegenden Tagen, verdampfte der Asphalt die Wassermassen des Morgens. Die mit der Feuchtigkeit geschwängerte Luft drückte sich unangenehm in die Lungen der beiden Polizistinnen auf dem Fußweg zum Wildschweingehege. Vor allem Oberkommissarin Heller bedauerte es zutiefst, dass Michi den Wagen vor der Brücke hatte stehen lassen, um die gut 100 Meter zum Tatort zu Fuß zu gehen, während ihnen der modrige Geruch von faulendem Holz und Moos des Biotops entgegenschlug. ‚Buddha’ strahlte über beide Pausbacken, als er Michi sah. Umgehend stellte der Kriminaltechniker die Arbeit an dem vor ihm liegenden leblosen Körper ein, und wälzte seinen üppigen Leib mit ausgebreiteten Armen die leichte Anhöhe hinauf, während zwei ebenfalls in weiße Schutzanzüge gehüllte Menschen die letzte Plane an das Schutzzelt hefteten.

„Isch free misch so, dass Du widder do bisch. Du hosch uns escht gfehlt.“ Bernhard ‚Buddha‘ Leistritz, streifte sich die blauen Latexhandschuhe ab und nahm Michis rechte Hand liebevoll in seine beiden fleischigen Pranken. Oberkommissarin Heller bedachte er lediglich mit einem deutlich unterkühlten „Guten Morgen Frau Heller!“

„Na, vielleicht wird er ja noch gut, Herr Leistritz. Was haben wir?“ Die Oberkommissarin giftete zurück. Michi übernahm wieder.
„Wissen wir schon, wer das Opfer ist? Am Telefon hieß es Ertrunken?“

„Ja und nä.“ Buddha wandte sich wieder von den Frauen ab und stapfte voran Richtung Leichnam. „Dietmar Heinemann, 48 Johr alt. Unn wann misch froogsch, ä eschtes Herzele. Ä Joggerin hot den Dode entdeckt. Mitm Kopp in dem Wasserloch do hinne. Versoffe isser awwer net!“

Buddha und die beiden Kommissarinnen passierten die beiden aufgeschnittenen Drahtzäune, die das Wildgehege im Abstand von etwa zwei Metern gesichert hatten.

„Wo sind die Schweine?“ Michi stapfte recht unbeeindruckt durch den morastigen Boden Richtung Spurensicherungszelt.

„Ä Sau is wohl noch in dem Gehege, die onnere Schwoine sind abghaue. De Förschder unn ä paar Jäger sinn schunn am suche. Der oder die Täter wollde clever soi. Hänn offesischtlich gedenkt, wann se den Kerl dohin ablege, fresse die Viescher ihn. Hot wohl awwer net gschmeckt. Idiode!“

Buddha öffnete die Seitenplane zu dem Zelt der Spurensicherung und zeigte auf die Tätowierungen an beiden Armen des Toten, Reichsadler und Hakenkreuz auf dem einen, die ‚Schwarze Sonne‘ die einst den Obergruppenführersaal der Wewelsburg in Büren zierte, auf dem anderen Unterarm. „Än eschde Symbaditräger! Wi isch schunn gsagt hebb.“

Erst jetzt bemerkten die Frauen das deutliche Einschussloch auf der Stirn des Toten. „Da war aber jemand mächtig sauer auf unseren Nazi.“ Michi ging in die Hocke, um sich die Schusswunde etwas näher zu betrachten. „Ist das eine Brandwunde um das Loch?“

Buddha nickte. „Isch vermuts emol stark. Sieht noch äm uffgsetze Schuss aus. Mords Kaliber jedenfalls.“ Bernhard Leistritz drehte den kahlgeschorenen Kopf des Opfers.

„Wow!“ Gaby Heller sah zuerst auf die Austrittswunde. „Sieht nach einer Hinrichtung aus. .460 S&W Magnum? Eventuell sogar Kaliber .500.  Können Sie mal den Körper so drehen, dass wir den Rücken erkennen können?“ Heller war bemüht, dem Kriminaltechniker nicht in die Augen sehen zu müssen.

„Aber sischer doch Fra Heller. Für Sie immer gern!“ Buddha bat einen der Streifenpolizisten, ihm behilflich zu sein, den etwa 1,90 Meter großen und beleibten Körper von Dietmar Heinemann auf die Seite zu drehen. Über dem schwarzen T-Shirt trug er die typische Lederweste einer Motorrad-Gang. Das aufgenähte Logo zeigte einen Totenkopf mit der gleichen schwarzen Sonne auf der Schädelplatte wie auf dem Arm des Opfers. In Frakturschrift darüber und darunter ‚BRUDERSCHAFT GERMANIA‘
„Hab‘ ich mir doch fast gedacht.“ Heller fischte ein Haargummi aus ihrer abgenutzten Jeanshandtasche und klöppelte die immer noch feuchten halblangen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen. „Mit denen hatte ich schon mal zu tun. Übler Haufen. Bezeichnen sich selbst als deutschen Ableger der ‚Arian Brotherhood‘ in den Staaten. Als ob wir nicht genug Nazis haben ...“

Michi meldete sich wieder zu Wort. „Habt Ihr ein Projektil gefunden?“ Buddha schüttelte den Kopf. „Dann gehen wir mal davon aus, dass das hier nur der Ablageort der Leiche ist. Die sollte wahrscheinlich von den Schweinen gefressen werden. Aber um sicher zu gehen Buddha, sucht bitte nochmal die Gegend ab. Der Richter soll außerdem die Nachbarschaft hier abklappern. Zu den Wohnhäusern hier sind es keine 200 Meter. Wenn hier einer eine Magnum abgefeuert hat, muss das jemand gehört haben. Kannst du schon was zum Todeszeitpunkt sagen?“

Leistritz fischte einen Plastikbeutel aus seinem Beweissicherungskoffer. „Zwische zwe heit Nacht unn em neune heit morge!“

„So genau?“ Gaby Heller zeigte sich schnippisch überrascht. Buddha versuchte, es zu überhören.

„Der hot zwar die halb Nacht im Rege gelege, awwer soi Handy hots iwwerlebt. Unn des hot um 2.04 Uhr noch mit wemm telefoniert. Unn um neune hot die jung Fra ihn gfunne!“ Leistritz zeigte Richtung Brücke. „Die warded im VW-Bus uff die Zeugeaussag.“

„Okay, da kümmere ich mich drum.“ Michi tippte ihrer Kollegin auf die Schulter. „Machst Du mit deinem Handy noch ein paar Fotos, Leiche, Tatort, Umgebung, das Übliche ...“

Heller verzog peinlich berührt das Gesicht, während sie ein Nokia 3310 aus der Tasche zog. Sowas hatte Michi sehr lange nicht gesehen.

„... ich dachte, Du warst nur vier Jahre außer Dienst.“ Buddha prustete vor sich hin. „Egal. Kümmere du dich um die Zeugin. Die wird den Schock ihres Lebens haben.“

„Des glab isch net.“ Der Kriminaltechniker zog sein iPhone aus der Tasche. „Als mir herkumme sinn, hot die schunn alles fotografierd. Do, guck. Unser Freund hier is schunn än Schtar bei Instagram.“

Gaby trottete den Weg zurück in Richtung VW-Bus. „Sag‘ mal Bernhard, was ist da los zwischen der Heller und dir?“ Michi verwendete nur in ernsthaften Situationen den Vornamen des Kollegen.

 „Des is kompliziert!“ Der Angesprochene zierte sich.

„Das ist es immer!“ Michi ließ nicht locker.

„Frog se halt selwer ...“

„... nein Bernhard, ich frage dich!“

Leistritz winkte dem eben eingetroffenen Leichenwagen zu. Er nahm Michi am Arm. „Die Gaby unn isch, mir henn emol rumgemacht.“

„Was? Ihr hattet ein Verhältnis?“

„Net rischtisch.“ Buddha wirkte verlegen. „Es war uff de Woihnachtsfeier vor vier Johr. Die Gaby war uglicklisch, mir henn ä bissel was gedrunke, unn do isses halt bassiert.“

„Etwa auf dem Revier?“ Michi musste sich beherrschen, nicht laut loszulachen.
„Wonns genau wisse wilsch, uff ihrm Schreibdisch!“
„Moment?“ Michi kam ins Grübeln. „Du meinst doch nicht etwa meinen ...“
Buddhas Nicken vertrieb alle Zweifel, und Michi hasste  ihre neue Kollegin noch ein wenig mehr. 



Trinkhalle ‚Zur Rheinschnake‘, Montag, 10. Juli, 11.00 Uhr

Der Zigarettenqualm brannte in Michis Augen. Sie musste unwillkürlich an die angebrochene Schachtel denken, die irgendwo in den Tiefen ihrer monströsen Handtasche seit Tagen ein unberührtes Dasein führte. Ihre letzte Zigarette hatte sie vor fast einer Woche geraucht. Und die nur knapp zur Hälfte.
Obwohl noch nicht mal Mittag, war die Luft in dem etwas größeren Kiosk zum Ersticken. In den rauchigen Nebel mischte sich die flüchtige Kopfnote aus Bier und Schnaps mit dem herben Odeur ungewaschener Männerachseln. Optisch passte nur der zwischenzeitlich trockene aber zauselige Schopf von Gaby nicht so recht ins Bild der Karten spielenden Männerrunde, an dem hinteren der zwei abgewetzten Kneipentische in Holzoptik. Michi fühlte sich stark an Coolidges Gemäldeserie ‚Dogs playing Poker‘ erinnert. Rechts ein gesichtsloser Dicker, dessen blau-weiß geringeltes Poloshirt die Figur unvorteilhaft betonte. Ihm gegenüber ein auffallend kleiner Mann. Die geschwollene, pockennarbige rote Nase deutete auf übermäßigen Alkoholkonsum hin. Mit dem Rücken zur Wand saß ein extrem dünner Kollege mit einem für Michis Empfinden fiesen Gesichtsausdruck.

„Sind Sie eigentlich von allen guten Geistern verlassen, Kollegin Heller?“ Michi schob sich geräuschvoll am ersten Tisch der Trinkhalle vorbei. Die angeblaffte Oberkommissarin verschüttete gut die Hälfte des Williams‘ über ihre Hand. Mit dem Gesicht dem Dünnen zugewandt hatte Sie ihre Vorgesetzte von hinten nicht kommen sehen.
„Is des doi Cheffin?“ Der Dicke hatte eine beeindruckend sonore Stimme. Er versuchte eine betont langsame Linksdrehung, blieb mit den Augen jedoch an Gaby haften.

Nickend kippte Heller den kläglichen Rest ihres Schnapses hinunter. „Machst Du uns zwei Kaffee Oskar?“

Oskar quälte sich aus dem knapp bemessenen Raum zwischen Tisch und Eckbank und wälzte sich grußlos an Michi vorbei hinter den Tresen.

Gaby erhob sich, wandte sich zu Michi und deutete ihr mit einem kumpelhaften Kopfnicken an, sich an den ersten Tisch an der Tür zu setzen.

„Bist du noch ganz bei Trost“, zischte Michi über den klebrigen Kneipentisch. „Es ist gerade mal 11 und du hockst Schnaps trinkend in dieser Kaschemme!“

Aus dem kleinen Schmollmund, der das runde Gesicht der Oberkommissarin kindlich aussehen ließ, entwich ein leises Bäuerchen. Der Geruch von Hochprozentigem indes fiel in dieser olfaktorischen Vorhölle nicht weiter ins Gewicht. Dennoch wedelte Michi angewidert mit dem gammeligen Bierdeckel vor ihrer Nase herum.
„Guido hat mir schon gesagt, dass du ziemlich unentspannt bist. Er ist übrigens enttäuscht, dass du ihn noch nicht besucht hast.“ Passend zum Ambiente zog Gaby die Nase ordinär hoch.

‚Guido‘ der Name traf Michi wie ein Donnerschlag. Aktuell hätte sie jetzt selbst einen Schnaps brauchen können. Kein Tag war in den hinter ihr liegenden Monaten vergangen, ohne dass sie nicht auch an ihren früheren Vorgesetzten hätte denken müssen. Vor etwas mehr als zwei Monaten hatte die 2. Große Strafkammer am Mannheimer Landgericht Guido Ruck wegen Totschlags an seiner Geliebten verurteilt; zur Höchststrafe von 15 Jahren. Lediglich die Tatsache, dass er die 24-Jährige im Vollrausch in deren Badewanne ertränkt hatte, rettete ihn vor einer Verurteilung wegen Mordes.
Bis heute hatte Michi es nicht geschafft, ihren kollegialen Freund in der Mannheimer JVA zu besuchen. Sie war mit sich beschäftigt gewesen und hatte versucht, die Zeit zu nutzen, um sich über ihr Leben, ihre Wünsche und Ziele klar zu werden. Was man halt so anstellt, nachdem man sich in einen Serienkiller verliebt und ihn dann – zumindest für die Öffentlichkeit – spektakulär zur Strecke gebracht hat. Nach einem halben Jahr bei ihren Eltern in Hannover war sich Michi aber nur über eines im Klaren geworden. Nur ihre Arbeit würde sie vor pathologischem Wahnsinn bewahren.
Oskar servierte in einer ihm eigenen, recht rustikalen Art die beiden bestellten Kaffee. Die Asche, die sich gerade noch so an der halb gerauchten Kippe in seinem Mund festkrallte, drohte, das Heißgetränk auf Gabys Tischseite zu vergällen. „Milsch is aus.“ Oskar nuschelte, während er zurück zu seiner Kartenrunde schlurfte. Der Kaffee roch angenehm und kräftig.

„Ich hab‘ keine Ahnung, wann oder wo du mit Guido über mich gesprochen hast, aber ich leite jetzt das Morddezernat!“ In der Therapie in den zurückliegenden Monaten hatte Michi gelernt, ihre Impulse zu kontrollieren und auch große Wut zu kanalisieren. Und sie war gerade mächtig wütend. Mehr auf sich als auf die Kollegin. Sie sprach jedenfalls langsam und mit Bedacht. „Solltest du ernsthaft den Wunsch haben ...“, weiter kam Michi nicht.

„Hängst du jetzt echt die Vorgesetzte raus?“ Gaby schüttelte verständnislos den Kopf und nippte an dem heißen Kaffee. „Wenn ich so drauf bin, nennt meine Tochter mich ‚ne verkrampfte Pussy‘.“ Michi wollte protestieren. Ohne Erfolg. „Sag‘ nichts“, Heller dominierte jetzt die Situation vollends, „ich bin auch nicht begeistert, aber die Kids sind heute so. Versuch‘ den Kaffee. Der ist echt gut.“

Wie fremdgesteuert griff die Hauptkommissarin zu der Tasse und nahm einen Schluck.

„Ich glaube, wir hatten einen etwas holprigen Start“, fuhr Gaby Heller fort, „ich schlage vor, wir stürzen uns jetzt einfach in die Arbeit ...“

„Nein!“ Michi setzte ruhig die Tasse ab, wühlte in ihrer riesigen Handtasche und bekam die angebrochene Schachtel Zigaretten zu fassen. „Wir trinken jetzt eine Tasse Kaffee, ich rauche eine, und du erzählst mir, was du hier eigentlich willst.“ Gaby versuchte, ein unschuldiges Gesicht zu machen, während sich Michi genüsslich eine Kippe anzündete. „Du hast drei Kinder, dein Mann hat einen guten Job in der Industrie und du ganz offensichtlich keine Lust auf diese Arbeit.“ Gaby versuchte, empört zu wirken, enthielt sich aber vorerst eines Kommentars. Michi saugte den Rauch tief ein. „Du stürzt völlig abgetakelt heute Morgen in mein Büro, duzt mich, ohne vorher zu fragen, hältst mir deinen Dienstausweis unter die Nase, an dem das Frühstück deiner Blagen klebt und kaust mir seitdem das Ohr ab und wieder dran. Und die einzige Aufgabe, die ich Dir gebe, nämlich die, die Zeugin draußen am Einsatzfahrzeug zu befragen“, ihre Stimme fing leicht an, zu Beben, „endet darin, dass du Schnaps trinkend in diesem Loch endest!“ Michi zog noch einmal an der Zigarette, nur um den fast vollständigen Glimmstängel in den Aschenbecher in der Tischmitte zu versenken.

„Ist Frau Hauptkommissarin fertig?“ Gaby Heller schürzte die Lippen und betrachtete ihre matten, angekauten Fingernägel gegen das grelle Vormittagslicht, das durch die blinden, verrauchten Kneipenfenster drang, als wäre sie gerade aus dem Nagelstudio gekommen. „Ich bin ja nur eine abgetakelte Oberkommissarin“, begann sie ihre Gegenrede, „deren Auto heute Morgen am Bahnhof den Geist aufgegeben hat. Deshalb, verehrte Frau Vorgesetzte war ich ein wenig derangiert, als ich in das Büro kam, das ich als meines wähnte. Für die Babykotze auf meinem Dienstausweis möchte ich mich in aller Form entschuldigen. Aber einen Hinweis mögen Sie mir gestatten, werte Frau Cordes. Ich käme nie auf die Idee, bei dieser Vormittagshitze meinen Hund ohne Wasser in einem Auto einzusperren. Vielleicht sollte ich die Polizei rufen.“

Schnippisch zog sie noch einmal die Nase geräuschvoll nach oben.



Brücke zur Ketscher Rheininsel, Montag, 10. Juli, 11.30 Uhr

Zum fünften Mal presste Michi mit beiden Händen ein paar Tropfen Wasser aus den Spitzen ihrer Haare. Der Streifenbeamte, der ihr vor fünf Minuten eine Wolldecke aus dem Einsatzwagen geholt hatte, versuchte immer wieder, unverhohlen auf die klitschnasse weiße Bluse zu starren, unter der sich der sich zwei ansehnliche Wölbungen in einem Spitzen-BH abzeichneten.

„Du hast diesen Hund also schon sieben Monate und wusstest nicht, dass er nicht schwimmen kann?“ Gaby saß auf dem größeren der beiden grauen Findlinge am Altrheinufer und spöttelte von oben herab, während sie ihre kurzen Beine in der Luft kreisen ließ.

„Na und. Er wusste es ja selbst nicht.“ Michi sehnte sich die Hitze der zurückliegenden Tage zurück. Sie fröstelte. Die Sonne, die sich durch die Wolken des Morgens gearbeitet hatte, war längst wieder hinter einer grauen Wand verschwunden, die neuen Regen versprach. Die Wärme hatte jedoch gereicht, um Michis Auto kräftig aufzuheizen. Noch nicht bedrohlich für Charly, aber genug, um ihn unaufhaltsam Richtung Wasser zu treiben. Und schnell hatten alle Umstehenden begriffen, dass auch ein rumänischer Wasserhund mit nur drei Beinen eher die Eigenschaft eines Kieselsteins besitzt. Michi hatte nicht lange gezögert und war ohne nachzudenken in den Altrhein gesprungen. Lediglich ihre Sneaker hatte sie im Laufen von den Füßen geschüttelt. Obwohl die Hitze der zurückliegenden Wochen den Wasserstand des Altrheins stark gesenkt hatte, sorgte der Rettungsversuch dafür, dass Michi jetzt von oben bis unten durchgeweicht war.

„Wir sollten dir frische Klamotten besorgen. Nicht dass du noch länger so abgetakelt aussiehst wie ich“, frotzelte Gaby.
Michi musste grinsen und fummelt ihren Autoschlüssel aus ihrer feuchten Jeans. „Du fährst!“



Wohnung Cordes, Montag, 10. Juli, 12.00 Uhr

„Ich bin heilfroh, dass ich das Handy von dem Heinemann nicht in meine Hosentasche gesteckt habe.“
Nur mit halbem Ohr hörte Gaby Heller die Worte, die Michi aus ihrem Schlafzimmer in den Flur rief. Mit offenem Mund starrte die kleine Person in ihren dreiviertel Jeans an die reichverzierte, hohe Stuckdecke. Der villenartige Charakter der Altbauwohnung wirkte einschüchternd auf die Oberkommissarin. Ihr Blick fiel in die üppige Küche, in deren Zentrum ein Arbeitsblock mit einer massiven Granitplatte bildete.

„Meinst du, das Telefon hilft uns weiter?“ Eher geistesabwesend rief Gaby zurück ins Schlafzimmer. „Ziehst du hier ein oder aus?“ In dem riesigen Wohnzimmer rechts von ihr erspähte Gaby eine Reihe Umzugskartons.

„Ich muss leider hier raus – zu teuer.“ Mir frischen Kleidern und sich die Haare frottierend ließ sich Michi kurz im Flur blicken. „Wenn du willst, kannst du dir in der Küche einen Kaffee machen. Vollautomat – selbsterklärend – Milch ist im Kühlschrank.“ Sprach‘s und stapfte barfuß wieder zurück.

Gaby kämpfte immer noch mit dem Kaffeevollautomaten, als ihre Vorgesetzte geföhnt und dezent frisch geschminkt zu ihr stieß. „Setz‘ dich“, Michi zeigte auf die Barhocker am Küchenblock, „ich mach das.“ Binnen Sekunden röchelte und brummte die Maschine vor sich hin und zauberte zwei perfekte Latte macchiato.
„Zu deiner Frage von vorhin“, Michi fuschelte das Mobiltelefon des Opfers aus ihrer seesack-artigen Handtasche, „es zeigt uns wenigstens, mit wem Heinemann zuletzt telefoniert hat. Vielleicht hat der oder die Angerufene was mitbekommen.“
„Scheint ein ‚Er‘ zu sein“, Gaby navigierte geübt durch das entsperrte Smartphone, „ein gewisser ‚Kutte’ ist um 2.04 Uhr in der Anruferliste.“

Michi saugte geräuschvoll an ihrem Milchkaffee. „Dafür, dass du selbst mit einem Dosentelefon unterwegs bist, kennst du dich gut aus ...“

„... ich habe zu Hause ein 15-jähriges Pubertier“, grinste Gaby zurück, „da muss ich mich auskennen. Samantha ist übrigens der Grund, warum ich unbedingt wieder in den Dienst wollte.“

„Und ich hatte gedacht, wegen der Babys?“

„Rebecca und Vincent? Easy! Haben einen festen Rhythmus: Schlafen, Futtern, Spielen und ... Aber noch einen vollen Tag mit diesem Früchtchen in meiner ganz privaten Terrorzelle, und ich werde die beste Kundin in unserem Dezernat. Die nächsten drei Jahre ist sie Rüdigers Problem und dann ist sie volljährig ...“

„Zurück zu ‚Kutte‘“, Michi wurde das Gespräch ein wenig zu intim, „gib‘ dem Kriminaldauerdienst die Nummer. Die sollen rausfinden, wo dieser ‚Kutte‘ wohnt.“

„Ich glaub, das können wir uns sparen“, Gaby hob das Glas in die Höhe und bestellte einen weiteren Milchkaffee. „Der Heinemann war erstaunlich ordentlich. ‚Kutte‘ ist ein gewisser Arnold Mönchheimer aus Ingelrein. Keine 20 Minuten von hier. Aber mal ehrlich ...“ Der Milchaufschäumer der Kaffeemaschine unterbrach sie kurz, „... wir wissen doch längst, wer dem armen Dietmar das Loch in den Kopf geschnitzt hat.“

Mit ungläubigem Blick stellte Michi ihrer Kollegin den georderten Kaffee auf die Granitplatte. „Du hast vorhin schon angedeutet, dass Du die Brüder kennst. Was für einen Verdacht hast Du?“ Der angenehme Geruch des Kaffees wurde mit einem Mal von einem unangenehm feuchten Odeur übertüncht. „Oh nein Charly, geh‘ bitte woanders stinken“, Michi griff sich eher symbolisch an die Nase.

Gaby kümmerte das nicht. „Bevor ich zum Mord nach Schwetzingen gegangen bin, war ich bei der OK1 in Mannheim. Die ‚GERMANIA‘ gibts zwar noch nicht so lange, hat uns aber Anfang der 2000er gewaltig Ärger gemacht. Drogen, Prostitution und Kinderpornografie. Chef ist, soweit ich weiß, bis heute Harald Kannengießer, genannt Harrycane. Studierter Jurist übrigens. Jedenfalls hat er sich damals schon persönlich um Bestrafungen gekümmert. Und dieser aufgesetzte Schuss, das war für mich ganz klar eine Bestrafung.“

„Ja super. Fall gelöst. Dann schlage ich vor, wir machen Feierabend.“

„Haha“, äffte Gaby, „wir sollten auf jeden Fall mal im Clubhaus der Bruderschaft vorbeischauen. Das müsste immer noch in Mannheim in den Quadraten sein. Gegenüber vom Jungbusch.“

„Erstmal kümmern wir uns um Kutte.“ Michi war trotz der vorläufigen Entspannung bemüht, ihre Position zu behaupten. „Hat eigentlich dein Gelage in der Kneipe in Ketsch irgendein sinnvolles Ergebnis gebracht?“

„Ja“, Gaby sprang vom Barhocker und fingerte einen kleinen Notizblock aus ihrer Umhängetasche, „Oskar Leibrecht, heißt der Wirt der ‚Rheinschnake‘, der haust auch in einem Hinterzimmer der Kneipe. Er hat mir erzählt, dass er gegen drei Uhr letzte Nacht aufgewacht ist. Durchs Fenster hätte er einen knallroten Dodge RAM gesehen. Der Truck habe kurz vor der Kneipe geparkt, sei dann aber weiter gefahren. Es hätte gerumpelt auf der Brücke. Ob das mit unserem Fall zu tun hat, weiß ich nicht, aber die Uhrzeit passt und wenn du mich fragst auch diese Kutsche. Typisch für das Milieu.“ 



Kleintierfreunde Ingelrein, Montag, 10. Juli, 13.30 Uhr

Obwohl das Thermometer heute geradeso an die 26 Grad heranreichte, trieb die Luftfeuchtigkeit die gefühlte Temperatur weit über die gemessene Marke und verschärfte den Gestank nach Ammoniak aus den Freiläufen der Geflügelställe. Nur Charly schien der strenge Geruch nichts auszumachen. Er saugte die beißende Luft förmlich ein.

Michi und Gaby hatten ihr Glück zunächst an der Wohnadresse Arnold Mönchheimers versucht, der unter dem Spitznamen ‚Kutte‘ in Heinemanns Adressverzeichnis gelistet war.
‚Kutte‘ war aber nicht zu Hause. Aber seine offenbar temporäre Lebensgefährtin Brigitte Lochner. Eine durch und durch unsympathische Person, die recht lautstark zu Protokoll gegeben hatte, das ‚blöde Arschloch‘ vor über einer Woche selbst aus seinem eigenen Haus geworfen zu haben. Jetzt halte sich der ‚verreckte Hurenbock‘ mit ziemlicher Sicherheit bei der ‚Negerschlampe in seiner Bumsstube‘ im Verein auf.
Bereitwillig hatte die völlig überschminkte Furie in ihrer geblümten Kittelschürze eine detaillierte Wegbeschreibung geliefert. Nicht, ohne den beiden Kommissarinnen den Auftrag zu erteilen, ‚die dauergeile Drecksau‘ für immer wegzusperren.

So betrachtet passte der Duft, der das Trio auf ihrem Weg begleitete, bestens zu der gelieferten Tagesration Fäkalsprache.

„Isch ke..ke...enn‘ Sie net. Wer sinnen dann Sie?“
Charly stellte die Nackenhaare, zog es aber vor, sich hinter den Damen in Sicherheit zu bringen.
Die Gestalt, die sich vor ihnen mit einer Schubkarre aufbaute, schien einem Cartoon entsprungen. Der endlos lange birnenförmige Körper steckte in einer grünen Latzhose, die unterhalb des ebenfalls birnenförmigen Kopfes an schwarz-braun verdreckten Trägern endete.

„Er will wissen, wer wir sind.“ Gaby fühlte sich genötigt, ihrer aus Hannover stammenden Vorgesetzten gestenreich zu soufflieren.

Michi überging die augenscheinliche Spitze. „Heller und Cordes, Kripo Schwetzingen. Wir suchen Herrn Mönchheimer. Er soll hier eine Laube haben.“

Die Birne glotzte ein wenig ungläubig von oben, als sich eine leicht gebräunte Hand von hinten auf die hohen Schultern legte.
„Alles gut Karl, ich mach‘ des. Die suche de Kutte.“ Karl schien zu verstehen und trollte sich mit der Schubkarre in Richtung Spielplatz am Ende des Geländes. Adina Tchandé streifte auch den zweiten Arbeitshandschuh ab und, reichte Michi die Hand. „Wir kennen uns. Sie waren doch vor Weihnachten in meinem Atelier wegen – oh Gott, Namen – Anhänger, Gold, Brillanten, Schlangenkette irgendwas mit Erleuchtung ...“
„... wegen ihres Kunden Ruck. Sie haben Recht“, vollendete Michi den Satz.

„Was ist aus dem Herrn Ruck geworden? Der war leider nicht mehr bei mir.“

„Das kann auch eine Weile dauern, bis er mal wieder vorbeischaut“, Michi verschränkte symbolisch die Hände übereinander.
„Schade“, die dunkelhäutige Goldschmiedin schüttelte kurz ihre feine schwarze Lockenpracht, „ich hätte noch den passenden Ring im Angebot. Aber deswegen sind Sie nicht da Frau ...“
„... immer noch Cordes. Das ist meine Kollegin Oberkommissarin Heller. Nein, wir suchen Herrn Mönchheimer. Seine Lebensgefährtin meinte, er wäre vermutlich hier.“

„Lassen Sie mich raten, so freundlich hat die Zicke sich nicht ausgedrückt? Egal. Ich kann Ihnen leider nicht weiterhelfen. Den Mönchheimer hab‘ ich seit Sonntag nicht mehr gesehen. Bin auch nicht wirklich scharf drauf, ihm so schnell wieder zu begegnen. Bei seinen Tieren war er auch seit Tagen nicht. Karl kümmert sich jetzt.“

„Gab es Unstimmigkeiten zwischen Ihnen?“, mischte sich Gaby ein, während es anfing, leicht zu regnen.

„Nett ausgedrückt“, Adina Tchandé drehte nachdenklich ihren Ehering, „Kutte hat sich hier aufgeführt wie ein Berserker. Irgendjemand hat seinen  Super-Hahn um die Ecke gebracht.“ Mit dem linken Zeigefinger fuhr sie an ihrer Kehle entlang. „Der Idiot hat behauptet, ich wäre es gewesen. Hat hier rumgebrüllt, ich wäre neidisch, weil ich nie so erfolgreich züchte wie er. Andere Frage: Was wollen Sie von Kutte? Nicht, dass es mich wundert, dass die Bullerei auf der Matte steht.“ Der Regen wurde stärker. „Sollen wir im Vereinsheim weiterreden. Der Hund kann ruhig mit rein.“
Das unverwechselbare Schlagzeugintro von ‚Born in the USA‘ durchbrach die kurze und seltene Stille auf dem Weg zwischen den Geflügelstallungen.

„Ja Buddha, was gibt es“, Michi hatte das Gespräch umgehend angenommen. Mit weit geöffnetem Mund blieb die Hauptkommissarin im zunehmenden Regen plötzlich mitten auf dem Weg stehen. „Das glaub‘ ich jetzt nicht!“
 

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